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Riesen und Zwerge im Reich der Bäume

Riesenbäume und urwüchsige Gestalten lösen immer wieder Erstaunen und Bewunderung aus. Leider muss man oft recht lange wandern, um ihnen zu begegnen. Ausserdem kommen sie meist vereinzelt oder in Gruppen vor, fallen dafür entsprechend auf. Ist aber ein dicker und hoher Baum immer auch sehr alt, und wie alt werden überhaupt unsere Waldbäume? In starkem Kontrast dazu stehen kleine und ziemlich alte Bäume, die Bonsai-Formen oder sog. „Geissentannli“.

Maximale Alter einiger Baumarten

Das maximal erreichbare Alter einer Baumart schwankt in Abhängigkeit vom Standort und von anderen Faktoren. Nur selten gibt es darüber gesicherte Informationen. Als grobe Richtgrössen gelten:

Baumart

maximales Alter (Jahre)

Fichte

Picea abies

> 500 (- 600)

Tanne

Abies alba

500 - 600

Lärche

Larix decidua

1000

Arve

Pinus cembra

500 (- 800)

Waldföhre

Pinus sylvestris

600

Buche

Fagus sylvatica

300

Traubeneiche

Quercus petraea

1000

Bergahorn

Acer pseudoplatanus

300 (- 500)

Esche

Fraxinus excelsior

200 – 300

Winterlinde

Tilia cordata

1000

Bergulme

Ulmus glabra

400

Typische Zuwachs- und Wachstumskurven von Einzelbäumen im Freistand (aus Vorlesung Forstliche Ertragskunde, Abt. für Forstwirtschaft ETHZ): Der durchschnittliche Zuwachs kulminiert im Zeitpunkt, da er gleich gross ist wie der laufende Zuwachs. Der laufende Zuwachs kulminiert sehr früh, der durchschnittliche spät in der Altersentwicklung. Die Kulmination des Durchschnittszuwachses zeigt den Zeitpunkt grösstmöglicher Leistung während der Altersentwicklung. (gilt nur für Volumen- nicht für Wertleistung).

Diese hohen Alter werden in bewirtschafteten Wäldern aus folgenden Gründen nur selten erreicht:

  • Für die Verwertung als Sagholz muss der Baum bis ins Mark hinein gesund sein. Dies trifft bei sehr alten Bäumen oft nicht mehr zu.
  • Gefragt sind Stämme, welche im Querschnitt auch in fortgeschrittenem Alter einen möglichst regelmässigen Jahrringbau aufweisen. Dies ist aufgrund der Wachstumsgesetze nicht möglich. Ab einem baumspezifischen Kulminationspunkt nimmt das Dickenwachstum und damit die Jahrringbreite ab.

Der Wachstumsgang der Baumarten ist sehr unterschiedlich, und selbst innerhalb einer Baumart gibt es eine enorme Bandbreite, in Abhängigkeit vor allem von der Umgebung (Freistand, geschlossener Bestand, Schichtzugehörigkeit etc.), aber auch von der waldbaulichen Behandlung, vom Standort, von der Höhenlage usw.

Im Freistand altern schattenertragende Baumarten, z.B. die Tanne, rascher als unter Schirm und werden entsprechend weniger alt. Arten mit grossem Lichtbedarf, wie etwa die Lärche, wachsen in der Jugend sehr rasch und erreichen den maximalen Höhenzuwachs schneller als schattentolerante Baumarten. Im kontinentalen Klima und in hohen Lagen wächst die Lärche sehr langsam und erreicht ein hohes Alter.

Alte und im Kern nicht mehr gesunde Bäume weisen oft eine geringere Stabilität auf, sind deshalb windwurf- und schneebruchgefährdet. Entstehen durch Naturereignisse grössere Lücken, so ist die Schutzfunktion des Waldes mindestens vorübergehend nicht gewährleistet.

Ziel der Pflege der Schutzwälder ist neben der Holzproduktion in erster Linie die Erhaltung und Förderung der Stabilität und damit der Schutztauglichkeit dieser Wälder. Die Bäume werden deshalb in der Regel lange vor ihrem natürlichen Ableben gefällt, um damit der Verjüngung Platz zu machen.

Andererseits kann es durchaus wirtschaftlich interessant sein, Bäume mit guter Holzqualität über den Zeitpunkt des maximalen Massenzuwachses hinaus stehen zu lassen, weil dann noch ein beträchtlicher Wertzuwachs stattfindet.

dicke Buche mit weitverzweigter Krone

In neuerer Zeit werden gelegentlich grosse Einzelbäume zwecks Förderung der Biodiversität stehen gelassen. Zahlreiche Tierarten sind auf dicke und alte Bäume mit dicker Borke und breiter Krone und auf Höhlenbäume angewiesen.

Wenn nun im Wald sehr grosse und sehr dicke Bäume angetroffen werden, dann oft

  • weil sie für die Verwertung des Holzes unbefriedigende Qualitäten aufweisen (z.B. sehr starke Astigkeit, Abholzigkeit, Drehwuchs)
  • weil die Verhältnisse für die Holzbringung ungünstig sind
  • weil man sich ihrer Monumentalität, Einzigartigkeit und Schönheit vermehrt bewusst geworden sind
  • weil sie nach wie vor gute Samenproduzenten (Mutterbäume) darstellen und ein wertvolles genetisches Potential enthalten
  • weil man gezielt die Biodiversität fördern möchte
Luvener Fichte „La Panera“

In den Jahren 1940 – 1970 wurden in Graubünden Einzelbäume durch Vertrag zwischen dem Eigentümer / der Eigentümerin und der kantonalen Naturschutzkommission vertraglich geschützt oder gemäss Gemeindebeschluss bis zum natürlichen Abgang stehen gelassen. Selbstverständlich hat ein Baumleben keine Ewigkeit und kann je nach Zustand und Ort auch eine Gefahr darstellen. Deshalb prüft der Forstdienst im konkreten Fall sehr sorgfältig, ob ein Baum noch länger stehen bleiben kann.

Maximale Höhe und Dicke der Bäume

Ein sehr hoher und / oder sehr dicker Baum muss nicht automatisch sehr alt sein. Alter und Dicke der Bäume (Durchmesser auf 1.3 m Höhe, BHD) korrelieren häufig nicht:

  • Auf geringeren Standorten sind schwache und mittlere Baumhölzer oft viel älter als auf besseren Standorten
  • Unter Schirm aufgewachsene Bäume weisen in der Jugend oft sehr enge Jahrringe auf, sind also bei gleichem BHD viel älter als Bäume im gleichförmigen Hochwald
  • Viele ehemals ungleichförmig-stufige Bestände mit ausbleibender Nutzung sehen heute in der äusseren Struktur – nicht aber im Altersaufbau! – oft relativ gleichförmig aus

Die Tanne (Weisstanne) wird als höchster Baum Europas bis 65 m hoch. Dies führt dazu, dass sie im Wald eine zweite Baumschicht über den Buchen und Fichten bilden kann. Die zweischichtige Bestandesstruktur erinnert an tropische Regenwälder und kommt ohne die Tanne in Mitteleuropa sonst nirgends vor. In der Schweiz wurden bei Tannen Höhen von 50-55 m gemessen (z.B. im Emmental).

Über die grössten heute in Graubünden vorkommenden Bäume gibt es kein Inventar. In der Surselva werden die höchsten Tannen etwa 48 m hoch (z.B. Pardiala zwischen Ilanz und Tavanasa).

Die Tanne kann ohne weiteres Dicken von 2 m (BHD, d.h. Durchmesser in Brusthöhe 1.3 m) erreichen. Als Maximalwert sind 3.8 m dokumentiert. Die dicksten Tannen der Schweiz befinden sich vermutlich ebenfalls im Emmental. Aber auch in der Surselva erreichen die Tannen beträchtliche Stammdurchmesser in 1.3 m Höhe (Brusthöhe).

Fichte, Höhe 48.3 m

Die höchsten Fichten (Rottannen) werden in der Schweiz deutlich über 50 m hoch. Auch in Graubünden gibt es sehr wüchsige Standorte mit Baumhöhen von etwa 50 m. Dazu gehört wiederum die Pardiala mit den schattigen Einhängen des Vorderrheins.

In der Schweiz zählen aktuell (2005) folgende Fichten zu den dicksten ihrer Art:

Ort

Umfang
in 1.3m
(Brusthöhe)
(m)

Durchmesser
in 1.3 m
(Brusthöhe,BHD) (m)

Baumhöhe
(m)

(Derbholz-)
Volumen
(m3)

Göscheneralptal

          5.88

          1.87

          41.5

          29

Calfeisental

          5.78

          1.84

          32.8

          22

Thurwies (Wildhaus)

          5.03

          1.60

          41

          21

Die Fuchstanne im Diemtigtal entspricht einer Vertikalfichte (evtl. einer Kandelaberfichte?) mit 12 dicken Stämmen, welche in 2-4 m Höhe abzweigen. 30 cm über Boden ergibt sich ein Umfang von 8.09 m (entspricht einem Durchmesser von 2.58 m). In einer Höhe von 1.80 m beträgt der Umfang 5.34 m (Durchmesser 1.70 m). Der Baum ist 34.4 m hoch und hat ein (Derbholz-) Volumen von über 35 m3.

Fichte „La Panera“, BHD 1.76 m

Die grosse freistehende Fichte bei Luven (La Panera, „Luvener Tanne“) darf sich daneben sicher zeigen lassen. Die letzte Messung im Jahre 2009 ergibt: Umfang 5.53 m, BHD 1.76 m, Höhe 47.3 m Daneben gibt es in der Surselva weitere Giganten zu bewundern.

In der Regel werden die Bäume weniger hoch, wenn sie im Freistand aufwachsen. Dafür sind sie oft viel abholziger (kegelförmig), stark beastet (Weidefichten) und ziemlich dick. In Weideflächen dienen sie dem Vieh als Unterstand im heissen Sommer und als Schneeflucht bei frühem Schneefall im Spätsommer. Unter sog. „Heutannen“ wurden früher auch Zwischenlager von Heu angelegt.

dicke Eiche in Brigels

Neben den Fichten und Tannen erreichen die Lärchen und Arven eher bescheidene Höhen. Einzelne Lärchen und Arven können aber sehr dick werden.  Das Alter  der Arven ist manchmal schwierig zu schätzen. Vermeintlich alte und dicke Bäume weisen mehrere Wipfel auf und sind aus verschiedenen Einzelbäumen zusammengewachsen (Nussvorräte des Tannenhähers).

Alte Zwerge

Im Jahre 1876 wurde das Bundesgesetz betreffend die eidg. Oberaufsicht über die Forstpolizei (Forstpolizeigesetz) erlassen und dessen Geltungsbereich im Jahre 1902 auf das ganze Gebiet der Schweiz ausgedehnt. Darin ist das Verbot von „Nebennutzungen, die eine gute Waldwirtschaft beeinträchtigen, wie insbesondere der Weidgang und die Streuenutzung“ für die öffentlichen und die privaten Schutzwaldungen festgeschrieben. Hintergrund dieser Vorgabe waren neben der Verbesserung der Stabilität (Fäulnis durch Weidgang) vor allem die Verjüngung und der nachhaltige Aufbau der Schutzwälder. Damals litten die Gebirgswälder unter jahr­hundertelanger Ausbeutung, Übernutzung und örtlich unter Überalterung. Zweifellos dachte der Gesetzgeber auch an den direkten materiellen Schaden der Waldbesitzer bei der Holzproduktion.

Trotz des Verbotes der nachteiligen Waldweide durchstreiften später auch in der Surselva immer noch zahlreiche Ziegenherden die Wälder und ästen ab, was in ihrer Reichweite lag. Gelegentlich fielen ihnen auch von Bund und Kanton subventionierte Schutzwaldaufforstungen zum Opfer. Im Gegensatz zu den Rindern können sich die Ziegen mit den Vorderbeinen an den Bäumen aufrichten oder auf stabile Büsche hinaufklettern und damit die frischen Triebe abbeissen.

Die Fichte ist in der Lage, nach dem Verbiss aus rückwärtigen Seitenknospen und aus schlafenden Knospen (Proventivknospen) neu auszutreiben. Werden kleine Fichten auf beweideten Flächen wiederholt und regelmässig verbissen, so entstehen die typischen Bonsai-Formen, sog. „Geissentannli“. Dies dauert so lange, bis mindestens einer der Gipfel dem Äser - zufällig oder wegen Entlastung vom Beweidungsdruck – entwachsen ist. Alterszählungen haben ergeben, dass 2 m hohe Geissentannli bis etwa 40-60 Jahre alt sein können. Da die Fichte im Freistand ab etwa 30-50 Jahren blüht und Zapfen trägt (Mannbarkeit), kann ein Geissentannli auch trotz seines niedrigen Wuchses normal entwickelte Zapfen tragen.

Obwohl es das Gesetz vorgibt, konnte die Ziegenweide im Wald bis heute nicht restlos ausgeschlossen werden. Je nach Behirtung der Ziegenherden, unterstützt durch die landwirtschaftliche Subventionspolitik, neuerdings durch Naturschutzprojekte (Förderung von Trockenwiesen), dürfte der Druck auf den Wald in absehbarer Zeit abnehmen oder zunehmen..

Geissentannli

Nicht immer sind die Ziegen die Verursacher der Geissentannli. An Stellen mit starkem Wild­druck, namentlich in Wildasylen und Wildeinstandsgebieten, werden ebenfalls Geissentannli beobachtet. Vor allem die Gemsen verhalten sich diesbezüglich ähnlich wie die Ziegen. Die Flächen sind in der Regel örtlich begrenzt. Dennoch hat auch dort der Wald enorm Mühe, sich natürlich zu verjüngen.

Geissenbuche

„Geissentannli“ werden in der Surselva in erster Linie bei der Fichte beobachtet. Diese Baumart kommt vom Talboden bis an die Waldgrenze und in allen Expositionen vor. Vereinzelt erhalten auch Buchen durch den ständigen Verbiss eine ähnliche Bonsai-Form. Da die Tanne seit Jahrzehnten wegen des grossen Wilddrucks ohnehin Mühe hat, sich natürlich und ungeschützt zu verjüngen, finden sich von ihr selten Geissentannli. Sie ist weniger gut regenerationsfähig, weil mit der Endknospe gleichzeitig die frischen Seitenknospen abgebissen werden. Es dauert deshalb ein Jahr länger, bis aus schlafenden Knospen neue Ersatztriebe entstehen. Bei regelmässigem Verbiss führt dies auch direkt zum Absterben der jungen  Tan­ne.

Quellen:

  • Brunner, M.: 2009. Baumriesen der Schweiz. Zürich: Werd Verlag. 240 S. ISBN 978-3-85932-629-3
  • Hager, K.: 1916. Verbreitung der wildwachsenden Holzarten im Vorderrheintal (Kanton Graubünden). Bern: Bühler
  • Kohl, J.: 1996. La Panera – der Gigant von Luven. Bündnerwald 5, S.79
  • Schröter, C.: 1898. Über die Vielgestaltigkeit der Fichte (Picea excelsa Link.). Vierteljahresschrift der Nat.forsch.Ges. Zürich, Jhrg.XVIII, Heft 2 u.3
  • Schröter, C.: 1934. Übersicht über die Modifikationen der Fichte. Schweiz.Z.Forstwes. 85.Jhrg. S. 33-46
  • Sieber, M. et Aas, G.: 1992. Dendrologie. Skript zur Vorlesung „Dendrologie I + II“, ETHZ, Abt. für Forstwirtschaft
  • Zingg, A. et Brang, P.: 2005. Wer ist die grösste im ganzen Land? WSL Inf.bl. Forsch.bereich Wald 19, S.3-4; www.waldwissen.net

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